Von A(ugsburg) nach B(rodowin) – Quer durch Deutschland mit dem Rad

Fahrrad-Collection von Julia

Was ich in diesem Jahr nicht für Reisepläne hatte! Mit dem Rad nach Japan fliegen wollte ich, alternativ von Augsburg nach Portugal radeln und mir mal wieder eine richtig lange Auszeit vom Alltag gönnen. Dann kam die Pandemie. Also disponiere ich kurzerhand um und beschließe, eine liebe Freundin in Ostbrandenburg zu besuchen.

Die Entscheidung fällt Anfang Juli, als ich endlich auf dem Boden der Tatsachen ankomme und mir zwei Dinge klar werden: Ich werde dieses Jahr keine große Reise machen, nirgendwohin. Und es gibt aktuell keine Fahrräder zu kaufen, mit denen ich einen solchen Trip machen würde. Radfahren boomt weltweit, weshalb fast alle Hersteller massive Lieferschwierigkeiten haben. Also werfe ich einen Blick auf meinen geliebten Alltagsflitzer, mit dem ich auch längere Gravel-Touren und sogar den ein oder anderen Trail fahre und mache mich an einen Superschnell-Umbau zum Tourenbike. Ende Juli möchte ich bereits los.

Währenddessen sitze ich abends mit dem Mehrtagesplaner von komoot am Computer und plane meine Tour. Neun Etappen sollen es werden, die mich nicht an den Rand der Erschöpfung bringen, aber auch nicht komplett ohne Herausforderung sind. Es gilt abzuwägen, ob ich an einem Tag lieber Höhenmeter oder Strecke schaffen möchte. Im Nachhinein bin ich mit meiner Planung mehr als zufrieden: Nur die Etappe hoch auf den Rennsteig wurde zur zermürbenden Angelegenheit, aber das war mir bereits vorher klar. Den Anstieg zur innerdeutschen Grenze kenne ich bereits aus früheren Touren, der macht einfach nie Spaß.

Unterwegs durfte ich mich mal wieder davon überzeugen, wie schön Deutschland ist. Das idyllische Donauries, die beeindruckenden Kalksteinfelsen der Fränkischen Schweiz, der fordernde, aber mit grandiosen Panoramen belohnende Thüringer Wald, die sanften Auen der weißen Elster, das Seenparadies zwischen Leipzig und Wittenberg mit der Ferropolis als mein persönliches Highlight, die milden Wälder Brandenburgs und natürlich die Metropolen Nürnberg, Leipzig und Berlin haben mir keine Sekunde Langeweile gestattet.

Ich bin die Tour mit Campingausrüstung im Gepäck gefahren, habe aber unterwegs auch in Unterkünften oder bei Freunden geschlafen. Zelten ist fast nirgends ein Problem, außer auf dem Rennsteig, wo der Trekkingplatz Frankenwald leider ausgebucht war – früh reservieren lohnt sich! Ganz wichtig ist, dass du genügend Snacks und Wasser mitnimmst. Ich habe zwar zu den Essenszeiten meistens eine Wirtschaft gefunden, die mich versorgt hat, war aber generell überrascht, wie weit ab vom Schuss man selbst im dicht besiedelten Deutschland sein kann. Immer wieder haben mir Obstriegel und Kräcker gefühlt das Leben gerettet.

Am Ende sind es zehn Tage geworden, die ich unterwegs von A(ugsburg) nach B(rodowin) war. Ich hatte mich schlichtweg um einen Tag verzählt und daraufhin die Gelegenheit genutzt, noch mehr Badesee-Pausen einzulegen. So war die Mischung aus Erholung und sportlicher Herausforderung perfekt und ich war fast schon traurig, dass es so schnell wieder vorbei war. Als ich am Ziel vom Rad steige, überwiegt dennoch die Freude über das Wiedersehen mit meiner Freundin und die Aussicht auf verdientes Chillen in der Landidylle.

Auf der Karte

Touren & Highlights

    05:09
    87,3 km
    17,0 km/h
    480 m
    570 m

    Sonne, ein laues Lüftchen und keine technischen Probleme! Die letzten zwei Wochen war ich gefühlt jeden zweiten Tag in der Bikekitchen Augsburg, um mit tatkräftiger Unterstützung meiner Schrauberkollegen mein uraltes Bianchi-Alltagsrad zum Tourenflitzer umzubauen. Das hat vor allem bedeutet, den kompletten Antrieb auf bergfreundliche Übersetzung umzurüsten und ein paar vernünftige Bremsen anzubringen. Es ist, wie üblich mit meinen Rädern, völlig eskaliert. Wir mussten sogar die Gewinde in meinem Rahmen für das neue Innenlager nachschneiden. Dafür wird dieses Rad nun die Äonen überdauern, ich spüre es!Außerdem dachte ich, dass eine Solo-Radreise eine einsame Angelegenheit ist, in der ich viel Zeit für Reflexion und Achtsamkeit habe. Nachdem ich etwa 15 Kilometer hinter Augsburg gleich zwei sehr nette Fernradler kennengelernt habe, die ebenfalls nach Berlin radeln (nur auf einer anderen Route, aber was für ein Zufall bitte!) und so bis Donauwörth in wundervoller Gesellschaft reisen durfte, habe ich diese These gleich wieder über Bord geworfen. Nachmittags hat mir dann ein einheimischer Pendler mit Rosenkranz am Lenker eine Karte mit den Radwegen der Region zugesteckt und mir die schönste Route nach Treuchtlingen, den Möhrenbachradweg, empfohlen. Und siehe da, genau diese hatte ich eh eingeplant. Sie war in der Tat wunderschön.Nun bin ich in Treuchtlingen, gut gelaunt, nicht am Ende meiner Kräfte und jetzt schon froh, diese Reise einfach ohne groß nachzudenken angetreten zu sein. Nächster Halt: Nürnberg.

    04:11
    71,4 km
    17,1 km/h
    540 m
    630 m

    Ich hasse den zweiten Tag. Da spürt man die erste Nacht im Zelt noch so richtig und hat am Ende der Etappe ernsthafte Zweifel an der eigenen mentalen Gesundheit, dass man sich solche Gewalttouren immer und immer wieder gibt. Warum fahre ich nicht einfach ans Mittelmeer?Naja, nun bin ich schon mal hier und nach einem netten Frühstückskaffee mit zwei anderen Radlerinnen wieder unterwegs. Heute begegne ich unterwegs fast nur E-Bike-fahrenden Rentnern oder Einheimischen, die auf dem Weg zum See sind. Gute Idee, denke ich mir und mache am Brombachsee eine ausgedehnte Mittagspause.Das rächt sich am Nachmittag. Ich habe entgegen meiner Faustregel der langen Vormittage nicht erst nach mindestens der Hälfte der Strecke Pause gemacht, sondern nach lediglich 30 Kilometern. Das heißt, über 40 liegen nun in der brütenden Nachmittagshitze noch vor mir. Als Bonuslevel gibt es jetzt außerdem heißen Gegenwind, der mich teilweise auf der Ebene im ersten Gang fahren lässt. Zum Glück ist Franken so schön.Ich werde dafür in Nürnberg von einer lieben Freundin in Empfang genommen, die mich sofort mit Wasser, Nudeln und Eis verpflegt. Duschen darf ich auch und dann verratschen wir uns noch auf ihrem Balkon. Ich bin wieder versöhnt.

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  • 05:39
    96,0 km
    17,0 km/h
    800 m
    660 m

    Heute starte ich mit ein bisschen Schrauberei, da mein (kriminell montierter) Gepäckträger etwas auf meinem Hinterreifen aufsitzt. Aus einer eigentlich zehnminütigen Angelegenheit wird aufgrund meines unterirdischen Multitools ein Riesenact, der mich in meinem Zeitplan um fast eine Stunde zurückwirft. Ich fahre dann trotz unbefriedigendem Endergebnis los und halte unterwegs bei einem Radladen, wo mir einen ordentlichen Inbusschlüssel leihen darf.Zunächst muss ich raus aus diesem Ballungsraum. Zum Glück habe ich in der Früh meine Route nochmal gecheckt und festgestellt, dass ich beinahe entlang einer Bundesstraße bis nach Erlangen gefahren wäre. Auf sowas habe ich überhaupt keine Lust und plane die Route ein wenig um. Jetzt ist sie zwar länger, aber dafür fahre ich durch urbane Natur. Dennoch, die ersten 30 Kilometer stehen immer wieder Industriegebäude am Radweg. Erst hinter Forchheim (und nach einer weiteren Routenänderung) wird es dann wieder idyllisch, ich bin nun in der Fränkischen Schweiz.Beim Mittagessen fällt mir auf, dass ich mich mit der Distanz für heute wohl vertan habe. Anstatt 88 Kilometern stehen da auf einmal 96. Mir wird außerdem bewusst, dass ich bis jetzt gefühlt noch kaum Höhenmeter gemacht habe. Kommt nun in der zweiten Tageshälfte der Overkill? Zunächst geht es jedoch weiter auf wundervollen Radwegen mit sanften Hügeln. Mein Handy spielt Hold the Line von Toto und ich singe aus vollem Hals mit.Auf den letzten 25 Kilometern kommen sie dann, die Berge. Und siehe da, mein Rad und ich bewältigen sie fast schon mit Leichtigkeit. Nach dem ersten fetten Anstieg mache ich ein stolzes Gipfelselfie und radle mit bester Laune weiter über den Höhenweg bis zu meinem Zielort. Dort checke ich beim Essen mit zwei sehr netten Landshutern meine komoot-Statistik und falle schier vom Glauben ab: 96 Kilometer und 800 Höhenmeter soll ich heute einfach so gemacht haben? Ich bin eine Maschine!

    04:32
    68,0 km
    15,0 km/h
    730 m
    500 m

    Der heutige Abschnitt ist zwar der kürzeste der Tour, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es noch anstrengender werden kann. Ich bin 45 Kilometer am Stück quasi nur bergauf gefahren. Und davor gab es eine Rampe über circa vier Kilometer mit bis zu 12 % Steigung.Da diese Etappe in reiner Zahlenform nicht so zermürbend aussieht wie sie war, habe ich mich am Morgen noch der Illusion hingegeben, heute vielleicht nochmal 90 Kilometer zu fahren, damit es morgen nicht so viele sind. Als ich dann um halb 6 abends auf dem Rennsteig stehe, ist von diesem Eifer nichts mehr übrig. Ich bin durch.Die ersten, entspannten Kilometer kurve ich durch die Ausläufer der fränkischen Schweiz. Immer wieder entdecke ich hübsche Städtchen wie Burkunstadt und Kronach. Auch auf dem Anstieg bleibe ich immer wieder stehen, da vor allem das wildromantische Tettau- und das Rodachtal wirklich sehr schön sind. Das Haßlachtal haut mich nicht vom Hocker, aber da bin ich schon eine Weile am bergauf strampeln und hungrig.In Tettau hole ich mir einen Saft im Supermarkt und werde von einem Einwohner angesprochen. Es stellt sich heraus, dass er ebenfalls ein begeisterter Fernradler ist. Er beschließt kurzerhand, mir eine Unterkunft auf einem Aussteigerhof mit Heuhotel zu organisieren. Dass ich dafür mein Rad eine 16 %-Steigung hochbringen muss, tut er mit einer Handbewegung ab. Nachdem keiner ans Telefon geht, packt er mich in sein Auto (ohne Rad) und fährt mich hin. Dort stellen wir fest, dass dort eine Hochzeit gefeiert wird und kein Betrieb ist. Nun ja, er hat es immerhin versucht.Wieder am Rad abgesetzt, mache ich mich an die letzten Kilometer zu einer Pension mit ansprechender Portraitkunst über dem Bett. Nach einem anregenden Plausch mit einem Wanderinnen-Paar gehe ich sehr früh aufs Zimmer. Aber immerhin: Der Rennsteiganstieg ist geschafft und ich habe Bayern offiziell verlassen!

    05:42
    92,1 km
    16,1 km/h
    890 m
    1 290 m

    Der Tag beginnt mit einem kleinen Meltdown: Nach neun Stunden todesgleichem Schlaf wache ich auf und fühle mich einfach nur kraftlos. Außerdem verrät ein Blick aus dem Fenster, dass es regnet. Wie soll ich die heutige Monsteretappe durch den Thüringer Wald bloß überstehen?Beim Frühstück klage ich mein Leid den beiden Wanderinnen – und alleine das hilft schon. Wir kennen alle das Gefühl, am Ende unserer Kräfte zu sein, aber weitermachen zu müssen. Ich beschließe, bis zum Saaleradweg zu radeln und dann zu entscheiden, ob ich mich einfach in einen Zug nach Leipzig setze und meinem geschundenen Körper eine Auszeit gönne.Bei trüber Aussicht fahre ich los. Ich stelle mich auf eine lange Abfahrt auf einer Landstraße ein, befestige Lichter am Rad und ... werde von komoot nach 200 Metern auf einen „Weg“ geleitet. Mitten in den Wald. Ich beäuge den Eingang misstrauisch, zucke aber dann mit den Schultern. Ich werd’s schon überleben, ich habe ja „Fahrrad“ bei der Routenplanung angegeben.Der Forstweg ist zugewuchert, steil und uneben. Als ich dann einen waschechten Singletrail mit stark abfallender Hanglage runter soll, fange ich an zu lachen. komoot kennt meine wahre Natur – eigentlich fahre ich die letzten Jahre nur noch MTB und liebe solche Trails. Mit dem schweren, hecklastigen Tourengepäck schiebe ich jedoch lieber.Danach geht es dann auf ganz normalen Straßen und Feldwegen bis zur Saale weiter. Das Wetter ist inzwischen aufgeklart, nur am Nachmittag soll es gewittern. Ich bin bestens gelaunt und wieder bei Kräften und entscheide mich gegen den Zug.Während des zweiten langen Anstiegs des Tages erwischt mich dann das Gewitter und verdonnert mich zu einer Stunde Zwangspause im Nichts. Macht nichts, mein Buch ist spannend.Gegen Abend erreiche ich Bad Klosterlausnitz. Die von mir favorisierte Herberge hat zu, zwei nette Einheimische empfehlen mir, auf dem Mühltalweg bei einer der Mühlen nach einer Unterkunft zu fragen. Gleich die erste lässt mich gegen eine Spende im Garten zelten und macht mir sogar eine Brotzeit!

    04:22
    77,6 km
    17,8 km/h
    380 m
    550 m

    Nach einer ruhigen Nacht am gluckernden Mühlbach bemerke ich beim Kaffee, dass ich einen Fehler in meiner Reiseplanung habe: Ich bin fest davon ausgegangen, erst am Dienstag in Leipzig anzukommen. Doch das stimmt nicht, es ist heute Abend. Das gibt mir überraschend einen ganzen Tag länger, den ich brauchen darf, um noch rechtzeitig zum Geburtstag meiner Freundin nach Brodowin zu kommen. Ich beschließe, dieses Geschenk anzunehmen und heute nach Leipzig zu radeln, aber die übrigen drei Etappen auf entspannte vier aufzuteilen. Ich bin schließlich im Urlaub, nicht auf der Flucht.Nach einem entspannten Tagesstart bergab durch das idyllische Mühltal verlangen die letzten Ausläufer des Thüringer Walds meinen Waden noch einmal einiges ab, bevor ich dann endlich auf dem Hügelkamm stehe, der die Grenze zu Sachsen-Anhalt markiert. Ab jetzt wird's flacher und flacher!Guter Dinge folge ich dem hübschen, wenngleich auch nach des hinter mir liegenden Wahnsinns etwas faden Weiße-Elster-Radweg bis zum Cospudener See vor den Toren Leipzigs, wo ich von der in Ostdeutschland deutlich akzeptierteren FKK-Kultur Gebrauch mache und mich quasi direkt vom Rad ins glasklare Wasser stürze.Abends bin ich mit einem komoot-Kollegen, dem lieben Sebastian, verabredet. Der empfiehlt mir, es zum Zelten doch bei ihm in der Straße ansässigen Kanu-Verein zu probieren. Er sähe dort auf der Grünfläche öfter Zelte von Wanderkanuten stehen, vielleicht nehmen sie ja auch Wanderradlerinnen. Und siehe da, sie tun es! Ich darf sogar im Haus schlafen und spare mir so das lästige Zelt aufbauen.Ich verbringe den Abend zunächst in willkommen urbaner Atmosphäre beim Vietnamesen und danach mit ein paar Bier und netter Gesellschaft durch Sebastian und Martin von der Kanujugend Leipzig auf deren Anleger, wo wir über das Wasser blickend über Gott und die Welt philosophieren und den Waschbären beim Zanken zuhören.

    03:52
    67,9 km
    17,5 km/h
    290 m
    320 m

    Nach dem wohl idyllischsten Frühstück der Tour am Anleger der Kanujugend Leipzig packe ich zusammen und begebe mich auf die erste Etappe des von mir zum Urlaubsteil deklarierten Abschnitts der A-B-Tour. Das bedeutet weniger Kilometer und mehr Badeseen bei unerheblicher Steigung.Ich kurve durch die hübsche Landschaft und ärgere mich etwas über den starken Gegenwind, der heute weht – aber nicht zu sehr. Der schlimmste Teil liegt definitiv hinter mir. Der erste See, der für mich in Frage kommt, liegt dann doch erst nach 44 Kilometern bei Bitterfeld, wo ich den Mittag und Nachmittag chille, bevor ich mich auf den Weg zu einem meiner Lieblingsorte mache: der Ferropolis.Hier finden normalerweise gleich mehrere Festivals statt, die mich interessieren (z. B. das Melt). Die sind dieses Jahr natürlich alle abgesagt, dafür hat das Gelände zum ersten Mal für Camper geöffnet. Wie geil, das Zelt unter den postapokalyptisch verwitterten Kohlebaggern aufzuschlagen, umgeben von Hippie-Stränden und Festivalfeeling! Das haben sich auch andere gedacht und so schallt es aus verschiedenen Richtungen laut aus mitgebrachten Anlagen, während unter Pavillons gegrillt, getrichtert und gefeiert wird. Es sind jedoch auch ein paar Familien da, weshalb es insgesamt sehr zivil bleibt.Ich sitze abends auf dem leeren Festivalgelände, trinke ein Radler und blicke auf den Mond, der über dem grün angestrahlten Bagger scheint. Hier würde ich gerne eines Tages mal auftreten.

    04:22
    74,4 km
    17,1 km/h
    560 m
    570 m

    Milch ist einfach nutzlos. Es ist schon die zweite H-Milch, die mir auf dieser Reise verdirbt. Zuhause trinke ich unter anderem auch aus diesem Grund nur noch Hafermilch –- sie hält viel länger und schmeckt mir besser (den Sermon über das Tierwohl und den sterbenden Planeten spare ich mir an dieser Stelle). Leider gibt es sie nur im Literkarton und den möchte ich nicht schleppen.Also trinke ich meinen Kaffee an diesem Morgen schwarz und esse nichts. Ich habe sowieso das Gefühl, dass mein Körper sich nun vollends an die Strapazen meines Urlaubs gewöhnt hat und nun auch unter Belastung wieder mit meinen normalen Essensrationen klarkommt.Dies stellt er an diesem Vormittag unter Beweis, indem ich die Strecke nach Wittenberg trotz lästigem Gegenwind problemlos am Stück fahre und erst mittags frühstücke. Und auch gleich noch ein Mittagessen anhänge. Meine Tourenkarte zeigt mir für die verbleibende Strecke leider keine Gaststätten-Highlights an und ich beschließe daher, lieber vorzusorgen.Ein weiser Entschluss. Die Tour auf dem Europaradweg 1 raus aus Sachsen-Anhalt und rein in mein vorletztes Bundesland, Brandenburg, ist landschaftlich bezaubernd und sehr spärlich besiedelt. Erst in Raben, dem zugehörigen Dorf zur beeindruckenden, aber geschlossenen Burg Rabenstein, finde ich eine geöffnete Touristeninformation, die mir ein Wassereis verkauft. Hier bin ich nur noch 20 Kilometer von meinem Ziel entfernt, der hübschen Springbachmühle bei Bad Belzig mit ausgezeichnetem Restaurant.

    04:43
    90,2 km
    19,2 km/h
    600 m
    640 m

    Nach einem letzten Blick auf die beeindruckenden Geweihe des Damwilds, das auf der Springbachmühle lebt, fahre ich weiter, nun endgültig mit Kurs auf die Hauptstadt. Auch heute geht mir der Gegenwind wieder auf die Nerven, aber ich komme schnell in meinen Trott und fahre bis nach Ferch am Schwielowsee, wo ich am Ufer einen Kaffee und einen Rührkuchen esse. Die Nähe zu Potsdam und Berlin ist spürbar – es sind sehr viele Radler unterwegs, vor allem endlich auch mal welche in meinem Alter. Die meiste Zeit habe ich Rentnerpaare oder einzelne ältere Männer auf meiner Tour gegrüßt. Der Radsport braucht deutlich mehr Frauen.Durch Potsdam brause ich im Zielgeradenmodus durch, ich kann sie schon spüren, die Grenze zum letzten großen Meilenstein vor dem Ende meiner Reise: Berlin, Sehnsuchtsort, einstige temporäre Heimat, vielleicht auch die zukünftige, sobald diese Pandemie mich nicht mehr zögern lässt. Die ersten Kilometer auf dem Mauerradweg rase ich mit einem breiten Dauerstrahlen auf dem Gesicht durch den Wald und schicke meiner Familie eine Sprachnachricht mit euphorischem Geheule. Ich bin tatsächlich aus eigener Kraft in neun Tagen von Augsburg hierher geradelt! Allein! Ohne E-Antrieb!Den Nachmittag verbringe ich im Strandbad am Wannsee, wo mich gegen Abend ein Freund abholt und mit mir gemeinsam nach Neukölln radelt. Dort grüßen uns Andrew und Eric bereits mit erhobenem Bier – auch sie sind vor einer halben Stunde mit den Rädern in Berlin angekommen (wir erinnern uns: Ich habe die beiden kurz hinter Augsburg kennengelernt!). Bei ihnen übernachte ich heute auch und praktischerweise liegt ihre Wohnung direkt über einer Kneipe. Wir feiern den schönen Abend und vor allem uns harte Radler*innengang!

    04:47
    83,8 km
    17,5 km/h
    550 m
    570 m

    Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll oder es total schade finde, dass meine Tour von A nach B heute tatsächlich zu Ende geht. Einerseits freue ich mich sehr auf meine Freundin und die Bilderbuchidylle Ostbrandenburgs, andererseits habe ich das Gefühl, erst jetzt so langsam richtig in diesen Modus reinzuwachsen.Nach einem langen Frühstück mit Eric auf dem Balkon fahre ich zunächst im Ballermodus durch Berlin. Die Stadt gibt mir wie immer einen Energieschub, den ich direkt in meine Beine weiterleite und es auf den städtischen Radwegen so richtig krachen lasse.Die Quittung dafür kassiere ich kurz nach meiner ersten Pause in Bernau: Die nächsten 20 Kilometer habe ich nur noch Blei in den Beinen und leide in der brütenden Mittagshitze jeden Meter, der nicht bergab geht. Ich Idiot, warum muss ich ausgerechnet auf der letzten Etappe meine Körner viel zu früh verschießen?In Finowfurt wendet sich das Blatt dann wieder, weil der dort beginnende Treidelradweg so wunderschön ist, dass sämtliche Müdigkeit von mir abfällt und ich mit versonnenem Lächeln den Fluss entlang radle. In Eberswalde mache ich im Café der dortigen Boulderhalle eine ausgedehntere Pause, bei der ich mich mit zwei netten Jungs vom Personal verratsche.Und dann geht es ab auf den allerletzten Abschnitt meiner Reise, nach Brodowin. Nach weiteren bezaubernden 15 Kilometern über gut geteerte, leicht abschüssige Radwege, serviert mir mein Navi ganz zum Schluss vier Kilometer saftigen Uphill über das von mir als „Brandenburger Parkett“ bezeichnete, sicher noch aus dem Mittelalter stammende Kopfsteinpflaster, eingebettet in sandigen Untergrund, wie man es nur in Ostdeutschland findet.Endlich erreiche ich den Badesee, an dem meine Freundin und ihr Freund in der Sonne liegen. 820 Kilometer und 10 Tage später bin ich pannen- und unfallfrei am Ziel und falle mal wieder vom Rad direkt in den See.

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Collection Statistik

  • Touren
    10
  • Distanz
    809 km
  • Zeit
    47:20 Std
  • Höhenmeter
    5 820 m

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