Giro E 2019 – Drei Etappen Giro d'Italia mit dem E-Rennrad

Collection von Hans

Mit dem E-Bike geht alles leichter – auch das Rennradfahren? Ich ließ sich vom italienischen Fremdenverkehrsbüro überreden, beim Giro d'Italia mitzufahren. Nur drei Etappen und mit einem E-Rennrad. Aber ist es wirklich so leicht, wie man sich das vorstellt?„Wenn du einigermaßen fit bist, kannst du da locker mithalten. Du bist ja auf einem E-Bike unterwegs.“ Ottavia von der italienischen Zentrale für Tourismus klingt zuversichtlich, als sie mich einlädt, beim Giro d'Italia mitzufahren: einem der größten Klassiker des Profiradsports, in Italien, im Frühjahr.Ich war mit nicht ganz sicher. Es sollten zwar nur drei Etappen sein, aber jede mit über 100 Kilometer und die dritte zusätzlich mit 1600 Höhenmetern. So viel bin ich noch nie am Stück gefahren und wegen mehrerer Verletzungen bin ich zwei Jahre lang praktisch gar nicht Rad gefahren. Außerdem bin ich überhaupt kein Rennradfahrer, sondern Mountainbiker – und hab deshalb nichts zum Anziehen. Aber das lässt sich ändern und ein Rad bekomme ich gestellt. Meine Entscheidung war gefallen: Ich fahr mit.

Auf der Karte

Touren & Highlights

    121 km
    -- km/h
    250 m
    220 m

    Tag 1: Lugo - Modena: Wie geht das alles? Durch die Emilia Romagna. Die erste Etappe ist Eingewöhnung, denke ich mir. Und Abends gibt's Essen 21.5.An einem Dienstagmorgen im Mai gehts los: 8:00 Uhr, Lugo, eine kleinen Stadt in der Emilia Romagna. Ein Techniker passt den Sattel eines Carbonrennrads an meine Körpergröße an. Es fühlt sich lang und unbequem an. Damit soll ich jetzt drei Tage lang fahren? Er erklärt mir auch den eingebauten Elektromotor, der die ganze Sache leichter machen soll. Drei Knöpfe, einer zum Ein/Ausschalten, zwei zum Wechseln der Unterstützung dazu eine Reihe LEDs, die den Ladezustand der Batterie anzeigen.Ich klicke meine neuen Rennradschuhe in die Pedale, stecke den GPS-Sender für die Zeitmessung in die Trikottasche und rolle zum Start. Es ist kalt morgens, aber Rennradfahrer haben etwas Tolles erfunden: Ärmlinge und Beinlinge. Mit diesen strumpfartigen Überzügen für die Extremitäten baut man sich unterwegs immer den passenden Dress zusammen. Gefällt mir.Jetzt geht's zum Vorstart. Da steht ein Moderator auf einer Bühne und stellt enthusiastisch alle Teams und Teammitglieder einzeln vor. 10 Teams mit 6 Fahrern. Mein Team heißt Italia: Fünf Journalisten aus Österreich, Brasilien, Korea, Italien und Deutschland, dazu der italienische Ex-Radprofi Max Lelli als Teamkapitän. Jeder muss am Pult in der Teilnehmerliste unterschreiben und wird dabei fotografiert. Echtes Promi-Feeling. Danach geht's los.Ich spüre den Motor kurz beim Anfahren. Bei 25 km/h schaltet er sich ab, wie jedes andere Pedelec auch. Und bleibt es auch für den Rest des Tages, denn die Strecke am Rande der Po-Ebene ist topfeben. Man könnte auch sagen langweilig, aber gut, um sich einzugewöhnen, denke ich mir.Wir fahren die gleiche Strecke wie die Profis nur ein paar Stunden früher. Begleitet werden wir, wie die Profis, von Polizei und Absperrdiensten, die die Straßen freihalten. Dazu kommen Fotografen auf Motorrädern und Begleitfahrzeuge hinter dem Feld. So etwas kenne ich nur aus dem Fernsehen. Aber jetzt bin ich mittendrin.FahrenAn das Fahren in der großen Gruppe, im Peloton, muss ich mich erst gewöhnen. Das Tempo ist hoch und es geht eng zu, weil alle den Windschatten ausnutzen. Ich versuche vorausschauend zu fahren, bleibe in der Spur und tippe ab und zu an die Bremse, um nicht die Hinterräder der vor mir fahrenden zu erwischen. Ich bin konzentriert, im Flow. Die Umgebung nehme ich kaum wahr, die ist aber auch nicht so interessant. Wir fahren sogar über Autobahnen, glaube ich.Mein Rad ist immer noch unbequem: Ich muss mich weit nach vorne strecken und komme doch nicht richtig an die Bremsgriffe. Dazu tut mir der Nacken weh und wenn ich nach vorne schaue ist mein Brillenrahmen im Weg.Dann kommt die erste Wertungsprüfung: Das ganze Team muss über eine Strecke von 7 Kilometern eine vorgegebene Geschwindigkeit möglichst genau einhalten. Fahrradcomputer, Smartphones und andere Geräte zur Geschwindigkeitsmessung sind nicht erlaubt, deshalb muss der Teamkapitän die Geschwindigkeit schätzen. 24,6 Stundenkilometer sind vorgegeben. Das ist einfach. Weil der Motor bis 25 km/h unterstützt, müssen wir einfach immer knapp an der Grenze zum Freilauf bleiben. Treten muss ich trotzdem, denn die Unterstützung des Motors hängt davon ab, wie fest man selbst tritt. Und das wird immer schwerer, denn meine Sattelstütze scheint sich gelockert zu haben. Der Sattel rutscht immer tiefer ins Sattelrohr. Nach der Prüfung bleibe ich stehen und warte auf den Technikwagen, denn ich hab kein Werkzeug dabei. Der Techniker schraubt meinen Sattel wieder auf die richtige Höhe und ich fahre weiter. Max, der Kapität gibt mir Windschatten. So holen wir das Feld relativ schnell wieder ein. Leider lockert sich der Sattel nach einer Weile wieder. Wieder warten, wieder reparieren. Aber diesmal komme ich nicht so gut hinterher. Das Feld rollt mit über 30 km/h weiter und mir geht schon nach kurzer Aufholfahrt die Luft aus. Nur mit Unterstützung eines Begleitfahrzeugpiloten auf seinem 4-Rad-Scooter, der mich von hinten anschiebt, kann ich das Feld wieder einholen. Danke dafür hier nochmal.Lift eingebaut und PannenhilfeZurück im Feld kommt mir die Idee für einen elektrischen „Pannenmodus”. Wie wäre es, wenn bei einem Defekt die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben würde, bis man wieder zurück an der alten Position ist. Oder wenn man Energie „sammeln“ könnte, beim Bremsen oder durch stärkeres Treten im Feld und diese dann auf Knopfdruck freisetzen dürfte. So ein Bio-Hybrid-Boost. Aber für solche Strategien muss man körperlich fit sein, von wegen Rennrad für Rentner. Nach 120 Kilometern in vier Stunden komme ich irgendwo im hinteren Feld in Modena an. Ich bin geschafft und will nur noch Duschen und Essen.Parma entdecken – an einem AbendTagsüber sehe ich nicht viel von Italien. Zu sehr bin ich auf das Fahren und das Einfinden in den Pulk konzentriert. Erst nach dem Rennen bekomme ich richtig mit, wo wir überhaupt sind. Mit dem Teambus geht es weiter nach Parma. Wir schlendern durch das alte Stadtzentrum und gehen dann ins La Filoma, einem Restaurant mit außergewöhnlichem Ambiente und hervorragendem Essen. Mit Antipasti (natürlich Parmaschinken), frischer selbstgemachter Pasta, Fleisch und Nachtisch. Und dazu natürlich Wein. Der war dunkelrot, fast violett – und schäumte beim Einschenken: Lambrusco, ein Wein, den ich nur als Billigwein aus dem unteresten Supermarktregal kenne. Aber mit dem hatte er nichts zu tun. Man erklärte mir, dass die Menschen in dieser Region besonders gerne und viel Schwein essen. Und so ein sprudelnder Wein macht den „schweren“ Braten wunderbar bekömmlich. Das stimmt.

    von
    Hans
    83,2 km
    -- km/h
    330 m
    170 m

    Tag 2: Parma – Novi Ligure - Die Masse ist der MotorMittwoch 8:30 Uhr: Mein Kopf fühlt sich ganz dick an und die und Nase auch. Bis vor zwei Tagen war es in Parma ungewöhnlich kalt und erst seit zwei Tagen ist der Frühling da. Wahrscheinlich wollen die Bäume deshalb ihre Pollen so schnell wie möglich loswerden. Zwei Antihistamin-Tabletten machen mich nicht gerade munterer und außerdem habe ich Rückenschmerzen.Ich frage den Mechaniker, ob er nicht ein anderes Rad für mich hat, weil meines viel zu lang ist. Aber er greift stattdessen zum Werkzeug, lockert meinen Lenker und dreht ihn ein kleines Stück nach oben. Die kleine Drehung bringt die Bremshebel ein Stück nach oben und hinten. Jetzt landen meine Hände perfekt auf den Bremshebeln – und mein Rad passt wie angegossen.Wir starten am schönsten Platz Parmas, der Piazza Guiseppe Garibaldi, und verlassen die Stadt auf der Strada della Republica, der ehemaligen römischen Hauptstraße. So fühlt sich Radsportgeschichte an.Unsere Strecke ist heute verkürzt, nur 90 Kilometer müssen wir fahren, sagt der Kapitän. Was er nicht sagt, ist, dass heute das Tempo extrem anzieht.Es ist wieder flach und wir fahren immer über 30 km/h. Im Peloton fühle ich mich jetzt schon sicher und lasse mich vom Luftsog der anderen mitziehen. Die Masse ist mein Motor.Heute lerne ich auch tatsächlich Italien kennen. Die Strecke ist viel schöner als gestern: Mehr Nebenstraßen, schöne kleine Orte und ein angenehm warmer Wind, der über mein Trikot strich. Und ja, das Trikot muss hauteng sitzen, auch, wenn sich manche Körperstellen unvorteilhaft abzeichnen. Denn alles, was flattert, stört das das Gefühl der Schnelligkeit. Auf der rasanten Fahrt im Peloton fühle ich mich wie ein Superheld. Und die haben auch enge Kostüme an. Ja, ich bin ein MAMIL, ein Middle Aged Man in Lycra, aber wenigstens sind meine Sachen nicht allzu bunt.Leider sind heute beide Wertungen ohne Motorunterstützung. Jeweils sieben Kilometer bei konstant 29,3 km/h fordern alles von mir – und lassen mich noch mehr über die Profis staunen: Meine Durchschnittsgeschwindigkeit liegt am Ende bei 29,9 km/h für 83 km, die des Etappensiegers Caleb Ewan bei 41.77 km/h – für 221 Kilometern.Im Ziel bin ich fertig. Wie soll ich den nächsten Tag schaffen, wenn es in die Alpen geht?Abends sehe ich die Cottischen Alpen schon ganz nahe und mächtig am Horizont. Unser Team entspannt sich beim Aperol im Kreuzgang des Hotel San Giovanni, einem ehemaligen Kloster aus dem fünzehnten Jahrhundert im historischen Zentrum von Saluzzo. Anschließend steigen wir in den Gewölbekeller hinab, wo uns ein spektakuläres Restaurant und ein tolles Menü erwartet.

    von
    Hans
  • Entdecke Orte, die du lieben wirst!

    Hol dir jetzt komoot und erhalte Empfehlungen für die besten Singletrails, Gipfel & viele andere spannende Orte.

  • 04:19
    98,8 km
    22,9 km/h
    1 660 m
    1 670 m

    Tag 3, Saluzzo - Pinerolo: schneller den Berg hoch aber nicht leichter9:00 Uhr: Es geht los. 100 Kilometer mit 1600 Höhenmeter. 850 davon an einem Berg der Kategorie HC (Hors Catégorie).Aber ich fühle mich fit und für solche Strecken ist mein Rad schließlich gebaut. Ich hab' meine Sportuhr an – auch wenn es offiziell nicht erlaubt ist – denn heute ich will meine Leistung messen.Zuerst geht es nur leicht bergauf in Richtung Pinerolo, wo auch das Ziel ist. Was ich nicht wusste: Mitten im Ort biegt die Strecke von der Hauptstraße links ab auf eineinen Streckenabschnitt der "il muro" (die Wand) genannt wird. 500 Meter Kopfsteinpflaster mit bis zu 15 Prozent Steigung. Ich schalte runter und trete so fest ich kann, schließlich will ich mit den anderen mithalten. Nach 1,10 Minuten bin ich oben. Später schaue ich nach: Vincenzo Nibali, der Zweite der Gesamtwertung, brauchte für diesen Abschnitt drei Jahre vorher nur 35 Sekunden und trat dabei mit 450 bis 630 Watt in die Pedale. Meine Uhr schätzt meine Leistung und zeigt 286 Watt für die kombinierte Muskel- und Motorkraft. Und dann kommt der richtig große Berg.Ich hab eigentlich schon genug für den Tag, aber nach 80 Kilometern beginnt erst der große Anstieg: Neun Kilometer bei durchschnittlich 10 Prozent Steigung.Ich bleibe im Sattel, halte die Oberkörperspannung und trete gleichmäßig mit ganzer Kraft. Vom Mountainbiken weiß ich, das ist der beste Weg nach oben. Aus dem Sattel gehen bringt nichts, man tritt nur unrund und muss außerdem das eigene Körpergewicht mittragen. Ich spüre die Unterstützung des Motors und moduliere meine Geschwindigkeit. Bei 65 Kurbelumdrehungen in der Minute stellt der Motor an meinem Rad das maximale Drehmoment bereit. Das hat mein österreichischer Kollege vom Hersteller erfahren. Normalerweise trete ich schneller, eher 80 bis 100, weil die höhere Trittfrequenz effizienter ist. Aber ich schaffe sowieso nicht mehr. Ich bin schon im leichtesten Gang.Ohne Motor würde ich wahrscheinlich umfallen aber der Motor alleine bringt mich auch nicht nach oben. Ich denke an den mehrfachen Toursieger Greg Lemond. Der hat einmal gesagt: „It never gets easier, you just go faster.” Was er damit meint ist: Je besser du wirst, desto schneller wirst du, aber die Anstrengung bleibt.Ich gehe an meine Grenzen, aber ich spüre die Anstrengung gerne in diesem Moment. Das macht den Sport aus: Den Gipfel erreichen aus eigener Kraft. Mit Motor komme ich den Berg nicht leichter hoch, aber schneller. 12,5 km/h ist meine Durchschnittsgeschwindigkeit. Bei 25 km/h regelt der Motor ab. Da ist also noch Luft für eine Steigerung.Der Berg zieht sich und ich sehe keinen E-Biker vor mir. Hinter mir auch nicht. Bin ich vielleicht der Letzte? Ich will nicht in den Besenwagen. Aber da kommt ein Fahrer mit goldenem Helm. Andrea Tafi, ehemaliger Radprofi und eigentlich Kapitän eines anderen Teams. Er hat sich zurückfallen lassen, spornt mich an, sagt mir, wie weit es noch zum Gipfel ist und dass ich es schaffe. Nach 40 Minuten bin ich oben. Und ich bin nicht Letzter. Immerhin.Und dann kommt die Belohnung für die Anstrengung: Zehn Kilometer bergab. 15 Minuten pure Geschwindigkeit, 78 km/h Höchstgeschwindigkeit auf frisch geteerten Straßen. Wahnsinn. Ich könnte bestimmt noch schneller fahren, aber ich bin ungeübt und will schließlich wiederkommen. Deshalb bremse ich lieber ein wenig zuviel als zuwenig.Und bei der nächsten Ausgabe bin ich wieder dabei. Dafür trainiere ich schon auf dem Indoor-Trainer und lerne Italienisch.

    von
    Hans
    © OSM

    Saluzzo

    Fahrrad-Highlight

    Hübsche Stadt mit Einkehrmöglichkeiten

    Tipp von
    Carsten1986

Dir gefällt diese Collection?

Kommentare

    loading

Collection Statistik

  • Touren
    3
  • Highlights
    1
  • Distanz
    303 km
  • Zeit
    04:19 Std
  • Höhenmeter
    2 240 m

Dir gefällt vielleicht auch