Into The Wild – Going North With JDA

Mountainbike-Collection von Bengt Stiller

Einmal durch Schweden – hin zum Polarkreis, mit dem Fahrrad!

Dieser Satz beschäftigte mich seit meiner frühen Jugend, genauer gesagt, seit Anfang der Neunziger Jahre. Seitdem ist viel Zeit vergangen, mehrere Touren in Südschweden erfolgten, aber der Traum wirklich einmal „ganz hoch“ zu kommen stand noch immer im Raum.

Wie der Zufall es wollte, lernte ich vor circa einem Jahr Jonas Deichmann hier in Berlin auf einem seiner Vorträge kennen. Er wusste um meine fotografischen Arbeiten und dass ich als Sportler auch im Ultra-Endurance-Bereich einiges gemacht hatte. So kam er ziemlich direkt auf mich zu und es dauerte gar nicht lang bis er sagte: „Bengt, lass uns doch mal eine Expedition zusammen machen.“ Puh, was für eine Ansage! Ehrlich gesagt dachte ich nur: Junge, Junge, kann ich mit dem Typen mithalten...

Knapp ein Jahr verging und einige verworfene Ideen später war es dann endlich so weit: Es ging los nach Schweden! Bikepacking so weit uns unsere Füße tragen, so unser Plan. Dann nahm diese Reise ihren Lauf...

Auf der Karte

Touren & Highlights

    07:43
    172 km
    22,3 km/h
    1 030 m
    910 m

    Jonas und ich hatten folgenden Plan: Er war am Wochenende vor dem Start nach Göteborg gefahren, um Freunde zu besuchen. Da ich am Dienstagmorgen mit dem Schiff in Trelleborg ankommen würde, wollten wir uns südlich von Jönköping im Wald treffen. Jeweils also gute 250 Kilometer zu rollen. Das schien machbar.Gesagt getan! Los ging’s um 7:30 Uhr, nachdem mich die Fähre pünktlich in Trelleborg ausgespuckt hatte. Die Nacht im Liegesessel der Fähre war zwar nicht die erholsamste, aber da hatte ich definitiv schon Schlimmeres erlebt. Also, checken, ob am Rad alles so weit wieder sitzt, Elektronik mit Energie versorgt, Route von Komoot aufs Navi geladen und ab ging’s gen Malmö. Frühstück in Malmö klang grundsätzlich mal gut. Die Strecke von Trelleborg nach Malmö verläuft entlang guter Radwege, oft herrlich abgesetzt von der Straße. Bestes Einrollen sozusagen. Die Hauptstrassen, die ich anteilig gerollt bin, waren relativ schwach befahren, der Autoverkehr auch eher rücksichtsvoll.In Malmö folgte dann in einem kleinen Edel-Kaffee-Frühstücksladen das angepeilte Frühstück. Da waren sie wieder: Bullar! Man, wie lange hatte ich davon keine mehr IN Schweden gegessen. Meine Mutter – Backen ist eine ihrer großen Stärken – hat zwar regelmäßig Bullar auch bei uns zu Hause gebacken, aber das Original schmeckt bekanntlich im Lande selber doch immer noch besonders. Von Jonas hörte ich zu dem Zeitpunkt, dass er etwas verspätet losgekommen war, aber voller Zuversicht sei, heute Abend am angepeilten Ziel anzukommen. Top!Weiter ging’s also, und je mehr Stadt hinter mir zu liegen schien, desto größer wurde der Anteil an feinsten schwedischen Schotterstraßen. Ich muss dazu sagen, dass ich aus den Jahren in Schweden – meine Eltern haben lange Zeit ein Haus in Südschweden gehabt – die Wegtypen auf einer Karte relativ gut einschätzen kann. Zumindest im Süden. Zwei, drei Anpassungen genügten und Komoot hatte die Route und ich den Schotter voll im Griff. Dafür war ich ja auch gekommen! Freude pur!Wie man unschwer erkennen kann, hat die erste Etappe allerdings keine 250 Kilometer und das hatte einen Grund. Am späten Mittag bekam ich von Jonas den Anruf mit der Info, dass er mit einer Gruppe von Rennradfahrern östlich von Göteborg gestürzt sei und er vorerst zurückmüsse. Zwei bis drei Stunden würde er insofern verlieren. Leider zeigte dann die Realität ein anderes Bild: Am Rad waren schwer zu ersetzende Teile beschädigt worden, er hatte auch einiges an Prellungen abbekommen und würde heute wohl doch nicht mehr weggekommen. Nun gut, flexibel bleiben ist eine der Devisen beim Bikepacking! Dem Nachmittag entgegen, radelte ich immer weiter in die Wälder Südschwedens hinein. Landwirtschaft öffnet immer mal wieder die sonst dichte Waldstruktur und das Bild von fein gemähtem Rasen und rot-weiß-roten Schwedenhäusern ergab langsam das Bild, was ich von Südschweden in Erinnerung hatte.

    07:02
    147 km
    20,9 km/h
    870 m
    790 m

    Los ging’s also am nächsten Morgen gen Jönköping. Mit Jonas zeichnete sich ab, dass ein Treffpunkt in Jönköping in ein bis zwei Tagen möglich sein würde. Zelt abbauen, Kaffee aufsetzen, ein kleines Frühstück – der normale Morgen eines Bikepackers. Der Svartasjö zeigte sich auch morgens von seiner besten Seite. Nur, dass nicht mehr ganz so viele Mücken wie am Vorabend am Start waren. Große Freude!Mücken, sowieso ein Thema in Skandinavien, immer. Ehrlicherweise hatte ich am Abend vorher das Gefühl, die Tierchen ganz gut im Griff zu haben – Anti-Brumm schien zu wirken. Außer bei einer Armada an klitzekleinen Tierchen, die ich auf meinen freien Armen wahrnahm. Die stellten sich am Morgen dann doch nicht als ganz so friedliebend dar: Ich hatte von oben bis unten einen Haufen an Stichen entlang meiner Arme. Na Servus! „Auf die kleinen Monster muss man wohl besonders Acht geben auf dieser Reise“, war mein Gedanke.Ich hatte Ljungby als nächsten Punkt angepeilt, um Frühstück und Essen für den Tag zu besorgen. Jedoch nach einer guten Stunde auf feinsten Schotterpisten im Wald kam ich bei Frank und seiner wunderbar gelegenen Elektrofirma vorbei. Stühle standen vor seiner Firma, sein Wohnhaus auf der einen Seite des Weges, sein Lager und Büro auf der anderen. Gute Chance auf frisches Wasser!Frank war mehr als zuvorkommend, eigentlich nur Wasser wollend, lud er mich auf einen Kaffee ein, ließ mich seine Toilettenanlagen ausgiebig nutzen und mit ihm daraufhin eine gute Stunde am Tisch sitzend plaudernd. Er selber war schon mehrere Marathons gelaufen und mindestens zweimal die Vätternrundan gefahren. Ein Ausdauersportler also! So findet man also auch in Schweden im Wald seinesgleichen. Ljungby nutzte ich wie angesprochen zum „Refill“ für den Tag, erkundigte mich bei Jonas zu seinem Befinden und wusste, dass ich den Tag so legen konnte wie ich mochte. Ein Treffen mit ihm war auf den folgenden Tag angesetzt.Mein Highlight des Tages war definitiv der Abschnitt zwischen dem Flaren- und dem Furen-See, ein Traum an Schotterpiste – ruhig, völlig abseits jeglicher Zivilisation. So wollte es auch der Moment, dass plötzlich eine große Wildschweinfamilie als „Roadblock“ ein wenig vor mir auf der Piste auftauchte. Foto-Time it was! In aller Geschwindigkeit versuchte ich mein Teleobjektiv auf meine Kamera zu montieren, um mich dann – ganz wie auf der Pirsch – der Familie zu nähern. Herrlich! Klick – Klick – Klick! Got them!Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich bemerkbar zu machen, wollte ich den Weg fortsetzten. So kam es dann auch: husch, husch, verschwand die Familie im Wald und der Weg war wieder frei. Kurz darauf begegnete mir ein Dachs auf der Fahrbahn und huschte so schnell er nur konnte ins Dickicht. Mir gefiel der Beginn dieser Reise ganz wunderbar!Das Zelt schlug ich abends kurz hinter Vaggeryd am Hjortsjön auf – die Abendsonne, kann man davon eigentlich in Schweden kurz vor Midsommar sprechen – bahnte sich ihren Weg durch die so dichten Bäume, einige Jogger passierten noch mein Lager und dann hieß es wieder: Schnell vor den Mücken ins Zelt fliehen und die Nachtruhe im warmen und trockenen Südschweden genießen.

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  • 01:44
    35,4 km
    20,4 km/h
    140 m
    250 m

    Diesen Tag fasse ich kurz: Treffpunkt Jönköping, Stadtmitte, Uni-Nähe war mit Jonas ausgemacht. Dort kamen wir nun endlich zusammen und ich konnte mir ein eigenes Bild von Jonas Rad machen. Eindeutig ablesbar, dass so keine Tour möglich sein würde. Daher waren weiterhin Ruhetage angesagt, bis die verschickten Teile eintrudeln würden.
    Die Uni in Jönköping, Jonas hat dort studiert und war noch gut vernetzt, nutzten wir als „Drop-Off“ Station und machten uns Nachmittags auf an den nahegelegenen See. Jonas konnte sein Schwimmtraining fortsetzen und zusammen konnten wir das aufkommende Schlechtwetter abwarten. Der gemeinsame Start stand also noch bevor.

    07:32
    180 km
    23,9 km/h
    840 m
    1 020 m

    Nun war es endlich soweit: Es konnte losgehen, gemeinsam! Mit zwei funktionsfähigen Rädern. :)Die Ersatzteile für Jonas Rad waren angekommen und wir konnten einen wunderbaren Mechaniker auftreiben, der Jonas half das Rad wieder auf Vordermann zu bringen. Und so stand unserem Trip endlich nichts mehr im Wege.Durch die „Zwangspause“ konnten wir Midsommar übrigens in Jönköping am See verbringen. Der See angenehm warm, das Wetter hielt bis auf einen kleinen Schauer gut durch und das beste waren wahrscheinlich die vielen meist aus Syrien geflüchteten Familien, die Kiloweise Grillfleisch auf die überall am See verteilten Grillplätze packten. Wir müssen so hungrig ausgesehen haben, dass wir über Stunden Teller um Teller feinstes Essen und zur großen Verwunderung auch Wodka-RedBull gereicht bekommen haben. Einfach irre.Strecke machen war angesagt. Jonas und ich freuten uns wie die Schneekönige über die ersten gemeinsamen Kilometer und die gute Schotterstrecke. So sollte es weitergehen! Die Kilometer liefen gut durch, die Räder hielten. Mittagspause machten wir nach knapp 90 Kilometern in Skövde, eine schöne Kleinstadt.Ein weiteres Highlight dieses Tages waren die Kilometer entlang des Göta-Kanals. Eine traumhafte Schotterstraße für Fußgänger und Radfahrer. Entlang des Kanals in Töreboda liegt die kleinste Personenfähre Schwedens mit regelmäßigem Fahrplan – die muss man einfach nehmen!Den Rastplatz für den Abend schlugen wir an einem traumhaft schön gelegen Platz am Vänern-See auf. Jonas nutzte die Gelegenheit, noch ein paar Bahnen zu schwimmen, während ich mich gegen die Mücken absicherte. Der Abend wurde in ein warmes Sommerlicht getaucht. Die Mondsichel erschien schon früh am Himmel und läutete die Nacht ein. Zeit für uns das Zelt aufzusuchen.

    06:56
    142 km
    20,5 km/h
    1 170 m
    1 010 m

    Die Tage durch die Wälder Schwedens jeweils aufs Neue zu beschreiben, wäre wohl ein wenig eintönig. Die Hütte aber, die nach gut 25 Kilometern plötzlich im Wald entlang des Weges auftauchte, war etwas, das man am Ende des Tages wohl als Volltreffer bezeichnet hätte: Ein Tisch, zwei Bänke, sogar ein Mini-Ofen. Wir hätten unsere Freude gehabt, in diesem kleinen „Heim“ abends einzukehren. Aber man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben...Stattdessen standen wieder viel Wald, tolle Strecken, mal etwas rauerer Schotter, hier und dort mal ein Trailabschnitt mit Wurzeln bespickt und tolle „Doubletracks“ auf dem Programm. Es lief!

    Bis wir bei Tageskilometer 55 irgendwie vom Weg abgekommen waren, oder war es doch eine Sackgasse? Zumindest hätten wir wohl nicht frei entscheiden sollen, egal was die Route sagt, dass wir da durchkommen würden. Es folgten definitiv harte Kilometer durch sehr dichten, kaum zu passierenden Nadelwald, aber irgendwie wollten wir zurück zum Track. Umdrehen stand nicht wirklich auf der Tagesordnung. Als wir schlussendlich beim Gewaltmarsch, die Räder über quer liegende Bäume würgend, die Arme von den Ästen längst wund und unter einer drückenden Wärme leidend auf zwei Menschen stießen, die Baumfällarbeiten vornahmen, kamen wir schlussendlich wieder auf unseren ersehnten Track. Geschafft! Was die beiden wohl über uns gedacht haben? Es wird ihr Geheimnis bleiben.
    Als Ziel für den Abend hatten wir den Flaxen-See ins Auge gefasst. Die Brücke, welche die beiden Seeseiten verbindet, sah so verführerisch aus, das Licht stand traumhaft. Trinkwasser hatten wir allerdings nicht mehr wirklich viel, der Abschnitt, der hinter uns lag, hatte nicht viele Versorgungspunkte ausgespuckt und fließende, klare Ströme waren auch nicht wirklich in Sicht. Jonas war so mutig und hatte abends am Camp fleißig Seewasser mit meinem Wasserfilter genossen. Wassertemperatur war min. 25 Grad. :) Völlig verschwitzt war das abends jedenfalls keine Erfrischung. Der Campspot bot dafür alles, was man sich nur wünschen konnte.

    08:11
    180 km
    22,0 km/h
    1 210 m
    970 m

    Woran ich mich eigentlich während der ganzen Reise nicht wirklich gewöhnt habe, war der Überfluss an Licht. Wir waren ja bekanntlich um den längsten Tag des Jahres in Schweden unterwegs, wo bei entsprechendem Wetter – und das hatten wir – der Tag nicht aufhören will, beziehungsweise die Nacht ja eigentlich gar nicht einsetzt. Gerne erinnere ich mich an die Tage zurück, an denen ich meist um drei Uhr nachts aufgewacht bin und dachte: „Verflixt, du hast verpennt, der Jonas ist doch bestimmt schon zwölf Bahnen durch irgendeinen See geschwommen“. Aber Pustekuchen: Es war halt erst 3 Uhr Nachts. Die Sonne hatte jedoch schon einen Stand am Himmel, der mich vermuten ließ, es sei um 8 Uhr herum. Sofern ich nicht mein Überzelt zwecks Abdunklung mit aufgebaut hatte, spielte mir das Licht jede Nacht erneut denselben Streich...Wir starteten also „normal“ in den Tag – Jonas ging ein paar Runden ins Wasser, ich freute mich über ein wenig Zeit mit meinem Kaffee und der Chance in aller Ruhe meine Sachen zu packen. Da wir zwar vom Lager her bestens versorgt waren, Wasser nun doch wirklich dem Ende entgegen ging, hieß es: Strecke machen, um an Wasser zu kommen.Kurz nach Start wartete dann eine kleine Flussüberquerung auf uns. Easy zu meistern. Also weiter durch Schwedens endlose Wälder. Genauer gesagt waren wir im schwedischen Teil „Dalarna“ unterwegs. Der „Bikingdalarna“-Radweg, ein wunderbar zu fahrender Schotterweg, führte uns nach einer Weile an einem Haus vorbei, vor dem ein Mann, Oberkörper frei, gemütlich in seinem Stuhl im Schatten sitzend telefonierte. Da war sie, die Chance auf frisches Wasser! Ich nenne ihn mal Björn – Björn sagte uns, dass er das Wasser immer in Kanistern aus Stockholm mitbringen würde. Es war also sein Ferienhaus, wo er gerade den Sommer über dran arbeitete, um weitere Gäste aufnehmen zu können. Von Björn erfuhren wir auch – das hatten wir eigentlich selbst schon vermutet – dass aufgrund der anhaltenden Wärme die Brunnen meist kein klares Wasser mehr führen würden. Umso dankbarer waren wir über seine Spende. Ich verzeihe Björn daher sein Kommentar an Jonas, dass sein kleiner Partner wohl noch gut was auf den Rippen vertragen könnte... :)Auffallend war spätestens ab diesem Tag der Reise, dass kleine Orte mit Supermärkten immer weiter auseinander lagen. Schweden ist zwar im südlichen Teil – und in dem befanden wir uns momentan noch – relativ „stark“ besiedelt, die Dichte an Orten, die auch eine Nahversorgung anzubieten hatten, war jedoch wirklich überschaubar. 50 bis 60 Kilometer mussten eigentlich immer eingeplant werden. Was auf Asphalt super easy klingt, kann auf Schotter im Wald, mit Schiebepassagen gespickt auch schnell mal ein wenig dauern. Spätestens zum frühen Abend sollte dann meist was auftauchen. Das wollte an diesem Tag aber nicht wirklich klappen...Reste-Essen also. Pesto mit Nudeln bekamen wir aus unseren Frame-Bags immer zusammen. Und ein Abend ohne „Leicht-Bier“, das in schwedischen Supermärkten oder Tankstellen verkauft wird, war auch zu verkraften.Apropos Kraft: Nach knapp 180 Kilometern hatten wir tatsächlich keine Lust mehr nach dem nächsten See zu suchen. Eigentlich liegt der ja in Schweden hinter jedem dritten Baum, nur heute war da wohl nix zu machen. Die Schotterstraße – es ging langsam, aber sicher Richtung norwegischer Grenze – führte auch nur noch bergauf. An so einem Punkt wird dann plötzlich alles zum besten Schlafplatz der Welt. Ganz schlüssig schien uns ein kleiner Hügel entlang der Piste zu sein. Kurzerhand hatten wir die Bikes raufgehievt, freuten uns wie die Sonnenkinder über den Platz, bis klar wurde: This is Moskito-Armageddon! Meine Güte haben wir uns einen abgekaspert, bis wir unser Essen soweit fertig hatten, das Camp aufgestellt, Katzenwäsche und ab dafür in die Schutzzone des Zeltes. Good night!

    05:55
    110 km
    18,5 km/h
    770 m
    820 m

    Ich sage nur: Fjäll! Da waren wir nun also. Mittendrin, statt nur dabei. Das was es, was man im Schwedischen unter „Fjäll“, übersetzt „Berg“, versteht. Für uns bedeutete das einen soliden Gewaltmarsch im stetigen Kampf um trockene Füße, die Abwehr von Mücken und der Suche nach ein paar fahrbaren Kilometern. Als wir uns nach gut 25 Kilometern durch das „Fjäll“ gearbeitet hatten, konnte Jonas kaum glauben wie wenig Kilometer wir bisher zurückgelegt hatten. Es war weit nach Mittag!In der Vorplanung für unsere Tour war ursprünglich eine Strecke entlang der norwegischen Grenze geplant – ein Überschreiten der Grenze war aufgrund der bestehenden Corona-Regeln zu dem Zeitpunkt aus Schweden rauskommend nicht möglich. Strecken technisch war es sicherlich einer der spannendsten Abschnitte. Auch, wenn der Spaß zwischendurch beim Schieben des Rades mal auf der Strecke bleibt, ist der Abschnitt von fahrbaren Singletrails, Holzplanken, die einen vor dem Einsacken ins Hochmoor bewahren und kurzen knackigen Anstiegen ein starkes Erlebnis gewesen.Glücklicherweise hat der Ast, den Jonas sich im Schaltwerk eingefangen hatte, nichts Schlimmes verursacht. Die wohlverdiente Mittagspause verbrachten wir im Schatten eines großen Supermarktes, der und mit Waschmöglichkeiten, kalten Getränken und Stromversorgung wieder auf Kurs brachte. Eine Sache war allerdings auch klar: wenn wir weiter Langlauf- oder Snowmobil-Tracks folgen würden, könnten wir unsere angepeilten Tageskilometer gleich ad acta legen. Einer der Gründe, warum wir an diesem Tag nach nur 110 Kilometern das Camp für den Abend aufschlugen. Der Abend war übrigens, obwohl unser Camp direkt am Fluss lag, fast mückenfrei. Jonas freute sich noch über ein paar Bahnen im Wasser, ich über eine Grundsäuberung im Fluss und ein gemeinsames Abendessen. Ich glaube, es waren Tortellini mit Pesto... :)

    04:21
    102 km
    23,5 km/h
    560 m
    620 m

    Der große Tag stand bevor! Dazu sollte ich vielleicht ein paar Worte verlieren, was eigentlich der Plan der Reise für uns beide war.Jonas Plan sah vor, Skandinavien den Sommer über als Trainingslager zu nutzen, wenn man so will. Sein nächstes großes Abenteuer stand bevor und dafür wollte er vorbereitet sein. Deutschland im 16-fachen Triathlonmodus zu umrunden hatte vor ihm so noch keiner gemacht und das war sein Plan. Da diese Herausforderung bald nach unserem Schweden-Trip folgen sollte, hieß es für ihn zusätzlich zum Bikepacken mit mir, regelmäßig ins Wasser zu gehen und zu schwimmen. Teilweise ging Jonas dann sogar noch ein paar Kilometer laufen.Ihn bei dieser Vorbereitung auch fotografisch zu begleiten, war also die Grundlage unseres Unterfangens. Damit das allerdings auch nicht zu langweilig werden würde, kam Jonas auf die Idee und sagte: „Bengt, ich kann doch an einem Tag nen wilden Ironman machen.“ – „Feel free!“, dachte ich nur.Dieser Tag stand nun also bevor. Logischerweise wollten wir uns heute nicht komplett kaputt fahren, die Körner würde Jonas am folgenden Tag noch genug gebrauchen können.
    Unsere Route passten wir für den heutigen Tag verstärkt auf Hauptstraßen an, laufen lassen war eher die Devise.
    Das funktionierte auch sehr gut. Wir konnten auf fast leeren Hauptstraßen gut rollen lassen – man merkte längst, dass wir den stark besiedelten Teil Schwedens hinter uns gelassen hatten. Wie die Spatzen auf den Dächern fuhren wir nebeneinander und unterhielten uns über Ausrüstungs-Highlights, Reiseziele und den Sport, den man in der Jugend gemacht hatte. Ein wirklich schöner Tag.Als Zielort hatten wir uns den Ort Sveg herausgesucht mit dem See Svegsjön nicht weit entfernt. Jonas hatte das Gewässer als passend für sein spezielles Vorhaben eingeschätzt. Es folgte das übliche Abendritual: Ab in den Ort, aufpassen, dass man nicht den halben Supermarkt leer kauft, die erste Riege an Goodies direkt vorm Supermarkt verdrücken und mit allem, was wir für den Abend so brauchten, ab an den See in die Sonne.Und wie wir belohnt worden sind! Der See war nahezu perfekt. Wir konnten uns kaum entscheiden vor Camp-Möglichkeiten. Ein Spot besser als der andere. Zelt fix aufgestellt, ins Wasser zum Planschen und dann entspannt kochen. Für Jonas hieß es nun auch „Carboloading“, sonst würden die Akkus am morgigen Tag nicht wirklich voll sein. Ratet mal, was es in rauen Mengen gab? Richtig: Tortellini mit Pesto! :)

    07:30
    181 km
    24,1 km/h
    1 370 m
    1 410 m

    Ritsche, Ratsche, Raschel, Raschel. „Jonas, biste wach?“ – „Jup, kann losgehen“, kam es aus dem benachbarten Zelt.
    „Wir sehen uns in circa zwei Stunden“, rief Jonas mir noch zu und verschwand langsam im Wasser.
    Soviel Schwimmzeit mussten wir rechnen, eine genaue Messung der angepeilten Schwimmkilometer war ja leider nicht möglich, 3,8 Kilometer sollten es mindestens werden. Das musste also geschätzt werden. Und es sollte ja auch kein offizieller Ironman werden, sondern ein wilder!Vom Festland aus konnte ich Jonas eine Zeit lang ganz gut fotografisch begleiten. Irgendwann jedoch kommt auch hier ein Tele-Objektiv bei der Entfernung an seine Grenzen. „Freizeit“ war also angesagt. Zelt zusammen packen, Frühstück fassen und auf die Rückkehr von Jonas aus dem Wasser warten.Als es dann so weit war, musste Jonas erstmal seinen durch die Schwimmzeit, obwohl das Wasser angenehm warm zu sein schien, ziemlich unterkühlten Körper auf Vordermann bringen. Warme Sachen anziehen, trinken und alsbald essen. Starke Performance hatte er da hingelegt mit fast zwei Stunden Schwimmzeit und das ganze ohne Neoprenanzug. Die Distanz auf dem Rad legten wir größtenteils auf Asphaltstraßen zurück, die Leistung musste nicht unnötig schwieriger gemacht werden, als sie ohnehin schon war. Die Freude nach knapp 180 Kilometern war ganz auf unserer Seite. Wir hatten nur noch ein paar Kilometer auf der Uhr bis zu unserem angepeilten Campspot, von wo aus Jonas in den Marathon starten wollte. Und dann kam das dicke Ende. Oder anders gesagt: wir steckten plötzlich in einer Sackgasse. Der Zielpunkt lag auf einer kleinen Halbinsel bei Östersund, die letzten Kilometer sollte es über den Fluss über eine Brücke geben. Nur wo war die Brücke? Die existierte leider gar nicht, es war eine Strecke, die im Winter, wenn die Flüsse und Seen in Schweden alle zufrieren, als temporäre Verbindung auf Eis genutzt wird. Es gab also keine andere Chance, als umzudrehen...Der Plan – auch aufgrund der Tatsache, dass es nach 21 Uhr war und weit und breit kein Supermarkt in Sicht, wo wir Essen hätten kaufen können – war also dahin. Wir mussten improvisieren. Der wilde Ironman sollte doch an so einem Problem nicht scheitern?Die rund zehn Kilometer zurück entlang der Sackgasse bis zur nächsten Kreuzung waren nicht die besten, verständlicherweise. Neue Ziele mussten her! An der Kreuzung hatte die vermeintliche Essensversorgung in Form einer Tankstelle auch schon zu. Kurzerhand entschloss ich mich bei der gegenüberliegenden Pizzeria, die auch seit knapp zwei Stunden geschlossen hatte, zwei Herren auf der Terrasse vor der Pizzeria anzusprechen. Wir bräuchten unbedingt drei bis vier Pizzen, Jonas sei Weltrekordler, wir hätten dieses besondere Vorhaben, und, und, und... Wahrscheinlich muss ich wie der letzte Freak gewirkt haben, der irgendwo am Land in Schweden versuchte, zwei älteren Herren einen Bären aufzubinden. :)30 Minuten später saßen wir mit vier Pizzen und Getränken im Restaurant – das Glück war wieder auf unserer Seite. 180 Kilometer auf dem Rad lagen hinter uns und zu allem Überfluss führten die Herren auch noch ein „Vandrarhem“ – quasi eine Jugendherberge – direkt hinter der Pizzeria. Wir konnten unser Glück nicht fassen!Wir waren also mit einem kleinen Zimmer, einer Küche, einem Bad, Strom und allem anderen ausgestattet. Jonas startete nach nicht allzu langer Pause in die Nacht – ich hatte mich dagegen entschieden, spontan nen Marathon mitzulaufen und wartete also auf seine Ankunft.Zweimal nutzte Jonas unsere Unterkunft während seines langen Laufes durch die Nacht. Frischer Kaffee wartete in der Küche auf ihn und ein paar aufmunternde Worte konnte ich ihm für die Nacht zwischendurch mitgeben.In den frühen Morgenstunden hatte er es dann geschafft. Noch völlig beseelt von den Eindrücken aus der Nacht, machte er seine letzten Meter durch leichten Nieselregen auf unsere Unterkunft zu. „Schräg, ich hab noch nie nen Ironman gemacht. Aber es geht!“ Das waren in etwa seine Worte.Nun war Erholung angesagt! Was für ein Tag.

    04:05
    83,0 km
    20,3 km/h
    930 m
    910 m

    Zwischen dem wilden Ironman und der Weiterfahrt lag ein Tag, den wir getrennt voneinander nutzten, um zu regenerieren und unsere jeweiligen weiteren Reisepläne zu fixieren. Jonas hatte noch weiteres vor in Skandinavien und ich musste spätestens am folgenden Wochenende den Rückweg nach Deutschland antreten. Nachdem wir fixiert hatten, noch zwei weitere Tage gemeinsam zu fahren, rollten wir Nachmittags gemeinsam aus Östersund weiter gen Norden. Leider war zu dem Zeitpunkt auch klar, dass wir den Polarkreis nicht in der angedachten Zeit erreichen können. Schade, ich hätte diesen Punkt zu gerne erreicht. So blieb noch eine Rechnung offen mit Schweden und dem Polarkreis...

    06:42
    137 km
    20,5 km/h
    1 430 m
    1 540 m

    Es war ein super Tag! Wir landeten mal wieder richtig solide im „Fjäll“, schoben unsere Bikes so einige Kilometer durchs Dickicht, waren aber am Abend dankbar um jeden Kilometer, den wir gemacht hatten. Jonas Beine waren wieder bei voller Leistung, ziemlich eindrucksvoll musste ich zugeben. Besonders in Erinnerung geblieben ist die Begegnung in unserer Mittagspause mit einer deutschen Aussteigerin, die uns im Supermarkt an der Kasse wahrnahm und daraufhin ansprach. Sie hat mit ihrem Partner eine kleine Agentur für geführte Wildnis-Trips durch das Gebiet mit der größten Braunbär-Population der Welt – so ihre Worte.

    Sie versicherte uns zwar, dass wir uns keine Sorgen machen brauchten, der Gedanke in den nächsten Stunden genau durch dieses Gebiet zu fahren, ließ uns jedoch recht aufmerksam bleiben.
    Am Abend schlugen wir unser Lager an einer kleinen Hütte auf, die sich gerade noch im Bau befand. Sie war an einem dieser vielen schönen Seen gelegen. Jonas entschied sich für „indoors“, ich schlief „outdoors“. Good night, fellas!

    07:34
    181 km
    24,0 km/h
    1 650 m
    1 650 m

    Abschiede sind nie schön, finde ich. Jonas und ich mussten uns aber heute verabschieden, es ging nicht anders. Zum Zug nach Älvsbyn wollte ich pünktlich kommen und Jonas wollte weiter nach Norwegen zu Filmaufnahmen – da mussten wir einfach jeweils anders abbiegen. So waren wir zwar nicht ganz zum Polarkreis gekommen, hatten doch aber so unglaublich viele sonnenerfüllte Tage gemeinsam auf Schwedens feinen Schotterpisten. Ein unvergessliches Erlebnis!Unsere Route teilten wir uns bis mittags so ein, dass wir in Asele noch gemeinsam essen konnten. Es wurde allerdings langsam draußen frisch, es schien Wetter aufzukommen. Wir packten daher bald wieder zusammen und fuhren unserer Wege. Für mich hieß es nun nach Lappland vorzustechen. Das machte auch auf der Hauptstraße nach Lyksele mächtig Spaß. Das Wetter überraschte zwar mit dem einen oder anderen soliden Schauer, aber davon waren wir auf der ganzen Reise so verschont geblieben, da machte es schon fast Spaß, durch den Regen zu fahren.In Lyksele rollte ich am frühen Abend ein, besorgte die berühmten Tortellini mit Pesto und fand einen netten, weichen Schlafplatz etwas außerhalb der Stadt. Der erste etwas frischere Abend war angebrochen.

    10:02
    226 km
    22,6 km/h
    1 470 m
    1 650 m

    Ich machte mich ehrlich gesagt sehr spät am Tag auf, um die letzten bevorstehenden Kilometer anzugehen. Knapp 230 waren noch übrig. Das Wetter war am Vormittag bescheiden gewesen, warum ich auch erst bei einsetzender Trockenheit meine Sachen zusammenpackte und losrollte.Ab ging’s also weiter gen Norden. Am vorigen Tag hatte ich ehrlich gesagt richtig Spaß dran gewonnen, es auch auf schönen asphaltierten Straße mal lange rollen zu lassen. Daher sah der letzte Teil auch kaum mehr Schotter vor. Vermeiden musste ich es unbedingt, nicht pünktlich am Zug in Älvsbyn anzukommen.Also Mucke aufs Ohr und laufen lassen. Die Kilometer rollten super durch, landschaftlich wurde es zwar insgesamt weiter, Wälder öffneten sich manchmal, riesige Seen erstreckten sich über große Strecken entlang der Route, Ortschaften waren immer weiter voneinander gestreut. Als ich in den Abend rein rollte, kam mir die blöde Idee auf Instagram ab dem Moment jede Stunde ein Bild zu posten und so die Zuschauer mit durch die „Northern Night“ mitzunehmen. Damit war die Entscheidung gefallen und ich rollte bis morgens um 7 Uhr entspannt durch die schwedische Nacht. Auf einer 120 Kilometer langen Strecke begegnete mir tatsächlich kein einziges Auto. Soweit im Norden schien es plötzlich nichts mehr zu geben. Die weit auseinander liegenden Bahnhöfe wirken eher wie verlassene Goldgräberstädte. Dort einen Zug bekommen? Better be on time!Einen weiteren Grund gab es aber auch noch, warum ich so voller Elan durch die Nacht gerauscht bin: Am Abend vorher war auf dem Wetterradar sehr gut zu sehen, dass ab 8 Uhr in der Frühe eigentlich der Tag komplett im Wasser verschwinden würde. Komplett durchnässt am Bahnhof anzukommen und das Rad noch transportfähig zu bekommen, konnte ich mir nicht wirklich gut vorstellen. Insofern war es ein so schönes Erlebnis, durch die nie wirklich dunkle Nacht in Nordschweden zu radeln, in Älvsbyn anzukommen und eine Stunde nach Ankunft, pünktlich um 8 Uhr den beginnenden Dauerregen trocken von einer wunderbaren Tankstelle aus beobachten zu können.Es hat dann tatsächlich exakt bis zu meiner Abfahrt am frühen Abend komplett durchgeregnet. Wie dankbar können wir sein, so ein Glück gehabt zu haben!Schweden wird mich hoffentlich wiedersehen. Wer schöne, breite und lange dahinrollende Schotterpisten sucht, kann in Schweden definitiv sein Glück finden! Auf, auf! Und Zelten kann man hier an den schönsten Traumplätzen...

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Collection Statistik

  • Touren
    13
  • Distanz
    1 877 km
  • Zeit
    85:17 Std
  • Höhenmeter
    13 410 m